Küssen erlaubt

Geschrieben von Martin Glückert.

Die Themen HIV und und AIDS im Biologieunterricht zu behandeln ist eine Sache. Noch besser ist es, jemanden Betroffenen einzuladen, der über diese Themen offen sprechen kann. Deshalb ergriff unsere Schülervertretung SMV (Schülermitverantwortung) die Initiative und lud Alexander Götz ein, der selbst HIV-positiv ist. Allen Klassen der 8. Jahrgangsstufe sollte es so möglich sein, Fragen direkt an einen Betroffenen zu stellen. Weil dies viel anschaulicher und informativer als der alltägliche Unterricht ist, unterstützten sie dabei auch die beiden Verbindungslehrer Edith Wolf und Andreas Glas. Sie stellten zusammen mit der SMV den Kontakt zur Selbsthilfegruppe „Ein Plus verbindet“ her.

 

Ungeschützter Geschlechtsverkehr ist Ansteckungsrisiko Nummer Eins

Aufgrund seiner offenen und direkten Art konnte Götz schnell das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler gewinnen und mit vielen Missverständnissen, Vorurteilen und klischeehaften Vorstellungen aufräumen. So ist es in Deutschland sehr viel unwahrscheinlicher sich mit HIV zu infizieren als in anderen Ländern, doch die Angst davor ist recht groß. Eine Ansteckung ist jedoch nur dann möglich, wenn infiziertes Blut, Scheidenflüssigkeit oder Sperma in das Blutsystem gelangt. Das Ansteckungsrisiko besteht also in 90% aller Fälle durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Der sicherste Schutz vor HIV stellt deswegen nach wie vor das Kondom dar, das übrigens auch vor anderen Geschlechtskrankheiten schützt.

HIV ist nicht gleich AIDS

Ein anderes Missverständnis, das anzutreffen ist, besteht in Gleichsetzung von HIV und AIDS. Bei AIDS handelt es sich jedoch um die Folge eines von HIV zerstörten Immunsystems. Dabei stehen heute gute Medikamente zur Verfügung, die Zerstörung des Immunsystems zu verhindern und den Infizierten eine gute Lebensqualität zu ermöglichen. AIDS-Todesfälle sind somit viel seltener geworden. Allerdings müssen die Menschen auch den Mut aufbringen, sich testen zu lassen. So lässt sich die Krankheit früh erkennen und behandeln.

Nur der Mensch zählt

Wenn der ungeschützte Geschlechtsverkehr das größte Risiko darstellt, bedeutet dies im Umkehrschluss: Von Speichel, Schweiß, Tränen, Urin oder Kot geht keine Ansteckungsgefahr aus. Das tägliche Miteinander in der Schule oder am Arbeitsplatz lässt eine Infektion unmöglich erscheinen. Küssen – so eine Frage der Schüler - ist also immer risikofrei. Auch darüber hinaus besteht beim Arztbesuch, beim Leisten von Erster Hilfe, beim Blutspenden oder beim Tätowieren ebenfalls kein Risiko, wenn allgemeine Hygieneregeln Anwendung finden. Allerdings stehen solchen Fakten diffuse Ängste engegen. Für Alexander Götz, dem Gründer und Leiter der Selbsthilfegruppe „Ein Plus verbindet“ ist es besonders wichtig, Folgendes zu vermitteln: Nur der Mensch zählt und nicht seine Krankheit. Dieses Bemühen ist Herrn Alexander Götz auf jeden Fall gelungen.

Im Anschluss an die Fragen konnten alle Zuhörer noch Kondome über verschiedene Kunststoff-Penisse abrollen. Dabei war der Kreis der Zuschauer jedoch um einiges
größer als die Anzahl derjenigen, die sich das zutrauten.